De Staat, Death Letters im Konzert (Hamburg, Mai 2011)
Hollands Alternative-Export Nummer Eins beglückt das Hafenklang
Ihre mechanische Drum-Maschine mussten De Staat für ihre Deutschland-Tour leider zu Hause lassen - aus Platzgründen.
De Staat
Eine kurze Umbaupause folgt, dann betreten De Staat die Bühne. Keyboarder Rocco bahnt sich im schwarzen St.-Pauli-T-Shirt als Erster einen Weg an den linken Rand, wo er sich zwischen allerlei Synthesizern, Keyboards und Verstärkern verschanzt. Frontmann Torre, der sich mit Weste und Krawatte als Einziger zumindest annähernd an den Industriezeitalter-Look des neuen Albums „Machinery“ hält, positioniert sich am mittleren Mikro; Bassist Jop nimmt den rechten vorderen Bühnenrand in Beschlag. Schlagzeuger Tim und Gitarrist Vedran halten sich vornehm im Hintergrund. Kurzes Nachstimmen, ein kurzer Blick, ein Klingeln aus Roccos Synthies und die Band startet mit „The Fantastic Journey Of The Underground Man“ in ihr Set.
Stillstehen ist bereits jetzt nicht mehr wirklich möglich: Massive Bassdrum-Schläge und zähe, tiefe Basstöne zwingen die unteren Extremitäten mindestens zum Mitwippen. Das Refrainmantra „Shake shake ‘cause it might get better“ fräst sich, mehrstimmig in Harmonie gesungen und begleitet von einer astreinen Ohrwurmmelodie, sofort in den Gehörgang. Tanzen will zwar bisher offenbar noch keiner der Zuschauer; es soll auch noch etwas dauern, bis das Publikum die berühmt-berüchtigte hanseatische Reserviertheit überwunden hat. Gewippt wird aber bereits allerorts und De Staat liefern fleißig weiter grooviges Futter.
Dabei halten sich die fünf nicht sklavisch an die Albumversionen ihrer Songs, sondern nehmen sich Zeit für ausgedehnte Improvisationen und bauen ihr Publikum in die Songs ein: „Psycho Disco“ wird so um einen psychedelischen Jam bereichert; bei „Sleep Tight“ werden die Handclaps kurzerhand vor die Bühne delegiert. Es ist dieses gekonnte Ausnutzen der Livesituation, die den Reiz eines De-Staat-Gigs ausmacht. Klingt die Band schon auf Platte wie eine tuckernde, rostige Planierraupe auf geradem Weg durch einen LSD-Trip, so kommen live noch hemmungslose Spielfreude und ein Feeling für Atmosphäre hinzu: Schon beim düsteren Intro zu „Meet the Devil“ fühlt man sich als Teil einer geheimnisvollen Zeremonie, die De Staat mit dem Publikum, schweren Beats und verschwörerisch murmelndem Gesang zelebrieren.
Wenn Torre Florim seine Band mit einer Maschine vergleicht, bei der jedes Mitglied ein anderes Bauteil darstellt, dann ist diese Aufgabenteilung auf der Bühne noch deutlicher als bei anderen Bands zu erkennen: Tim Van Delft legt mit seinem schleppenden aber präzisen Drumming eine kraftvolle Grundlage, in die Bassist Jop mit seinem von langen Slides geprägten Bassspiel einhakt. Torres Gitarrenspiel setzt passende Akzente, während Vedran mithilfe eines riesigen Effektboards und Rocco kraft seiner Synthesizer-Burg für dichte, atmosphärische Sounds und klangliche Gimmicks sorgen. Statt über dieses Fundament bloß zu singen, mimt Torre am Mikrofon den Geschichtenerzähler: Mit Mimik und Gestik untermalt er seine Texte; schlüpft scheinbar in verschiedene Rollen. Bei „Meet The Devil“ ist er der Voodoopriester; in „Old MacDonald Don‘t Have No Farm No More“ befiehlt er erst diktatorisch die Schlachtung aller Farmtiere, um dem Publikum dann, mit dem Mikrofon in der Hand, fast schon bedauernd mitzuteilen, dass der alte MacD. sich wohl nach einem neuen Hof umsehen muss.
Wie es sich für eine anständige Rock‘n‘Roll-Party gehört, gibt es an diesem Abend auch etwas zu feiern – und zwar gleich zweierlei: Zum einen Roccos Geburtstag; zum anderen die Auszeichnung von Tim Van Delft als bester Schlagzeuger Hollands bei der zeitgleich stattfindenden „Gala van de Popmuziek“ in Amsterdam. Dass er lieber für seine Band in Hamburg hinter den Trommeln sitzt, als seinen Preis – das bronzene „Duiveltje“ – persönlich in Empfang zu nehmen, würdigt das Publikum mit frenetischem Applaus. Die Reaktionen auf Torres Kommunikationsversuche sind aber nach wie vor eher verhalten, was vielleicht auch an der kleineren Zuschauerzahl liegt. Als der Fronter „I‘ll Never Marry You“ mit den Worten „The next one is a lovesong!“ ankündigt, erntet er jedenfalls nur vereinzelten Jubel und hakt nach: „You know...love! You know what it is, don‘t you?“
Erst „Sweatshop“ kann das Eis vollends brechen und bringt Leben in die zuvor nur andächtig lauschende und wippende Menge. De Staat sind sichtlich erfreut, doch leider auch schon fast am Ende ihrer Setlist. Mit dem stampfenden „Rooster-Man“ und dem treibenden „Machinery“-Opener „Ah, I See“ schleudern sie dann aber noch zwei Highlights ins tanzende und feiernde Publikum. Beim letzten Song kramt Rocco das wohl ungewöhnlichste Instrument des Abends hervor: eine samt Lenkrad an ein Stück Schlagzeug-Hardware geschraubte Autohupe. Manche Dinge können Synthesizer eben einfach nicht ersetzen.
Danach ist offiziell Schluss; Torre bedankt sich bei allen Anwesenden und die Band verschwindet von der Bühne. Das erst vor Kurzem erwachte Publikum fordert nun aber lauthals Zugaben, die De Staat natürlich liebend gerne liefern: „Wait For Evolution“ vereint noch einmal alle Trademarks der Band und bekommt als Extra eine Rap-Einlage von Rocco spendiert. Erneut verabschieden sich De Staat, erneut fordert die Menge mehr, erneut lässt sich die Band erweichen, spielt „My Heart‘s Dead“ als allerletzten Song, bedankt sich nochmals und verschwindet endgültig.
Jop Van Summeren ist schon fast von der Bühne, als er noch einmal umdreht, um ein Foto vom Publikum zu schießen. Darauf zu sehen ist ein überschaubarer, aber glückseliger Haufen grinsender und jubelnder Menschen. Man kann De Staat nur wünschen, dass sie bald auch hierzulande größere Mengen in größere Hallen ziehen können. Dass sie das Zeug zur richtig großen Liveband haben, haben sie den Hamburgern mit einem denkwürdigen und tadellosen Auftritt jedenfalls hinreichend bewiesen.